Mittwoch, 8. Juni 2016

Warum denn bitte unbedingt in die weite Welt ziehen ?



Das Unbekannte, das Unvorhersehbare, der Drang des Entdeckens, des Lernens während man zum ersten mal an einem fremden, unbekannten Ort ankommt und beginnt alles aufzusaugen ist eine ergreifende und wundersame Angelegenheit. Zudem Gerüche, Sprachfetzen, Geräusche, das Gefühl *in einem anderen Film zu sein*, sonderbare fremde, neugierige und freundliche Blicke. Exotische Mimiken und Gestiken, die leicht zu Verwirrungen führen können. So zum Beispiel wird in Indien mit dem Kopf hin und her gewackelt. Ständig und immer. Wenn du in Indien jemanden etwas fragst oder um etwas bittest wirst du immer mit Kopfwackeln konfrontiert. „Ja, ich höre dir zu!“, oder „ja“, „nein“, „bitte“, „danke“, einfach alles kann dieses außergewöhnliche Wippen des Hauptes bedeuten. Der Inder möchte höflich sein. Er möchte dir zu verstehen geben, dass er dir Aufmerksamkeit schenkt. Ist das nicht schön? Obgleich es für den Besucher aus dem Westen anfänglich leicht verwirrend sein mag, gewöhnt er sich rasch an die andersartige Gewohnheit und beginnt, zur eigenen Überraschung und Belustigung, irgendwann selbst mit dem Kopfgewippe. Allein für dieses Phänomen beispielsweise lohnt es sich schon um den halben Globus zu reisen, finde ich. Der Reisende staunt nicht schlecht und freut sich obendrein willkommen zu sein, zu lernen und zu erkennen wie es in anderen Kulturen zu geht.
In Bewegung sein, nicht zu wissen was morgen oder nächste Woche passieren könnte, wo das Zelt aufgeschlagen wird, wo und was man zu beißen findet, gar zu fließen wie ein wilder Fluß erzeugt in mir ein kribbeliges Gefühl ähnlich des verliebt Seins. Es entfacht eine wohlige Zufriedenheit, ein Vertrauen auf die Dinge. Wärme, Obdach, Nahrung, Schlaf. Gerade wenn diese Grundbedürfnisse nicht durchgehend sofort befriedigt werden können, nicht alles zeitgleich zur Stelle steht, tja dann lernt man eben damit umgehen und erst recht über sich selbst hinaus zu wachsen, oder? Ich behaupte es ist eine der lebendigsten Weisen seine kostbare Zeit auf Mama Erde zu verbringen. Unsicherheiten zu umarmen und von Spontanität wach gehalten zu werden, wach im Sinne von aufmerksam, achtsam und bewusst sein. All diese Feinheiten des Daseins sind schlichtweg eine essenzielle Schule, eine Lebensschule.
Aber auch die Einsamkeit, die einen Fernreisenden immer wieder plagt, gehört zum Alltag. Sie kann der absolute und nagenste Horror sein, doch auf der anderen Seite jegliche Türen der Glückseeligkeit öffnen. So kitschig es klingen mag, das Gefühl in einsamen Stunden mit der Welt zu verschmelzen darf man im Grunde mit offenen Armen als Geschenk entgegen nehmen. Stell dir nur mal vor, nur du, mutterseelenallein. Die nackten Füße vergraben im warmen, weichen Sand einer tropischen Insel auf dem hinterletzten Fleck der Weltkugel, die Vögel singen nur für dich allein und die Sonne malt dir ein dunkeloranges Abendgedicht in den Himmel und niemand quatscht dich von oben bis unten zu und kommentiert die aktuellesten Geschehennisse der Menschheit, die Geschichte der Schöpfung. Nur du allein und eine ungeheuer maßlose Sternenkuppel fröhnt unschudig und rein euer Dasein. Haach.. ! ;)
Und keine Angst: In den einsamsten und einsiedlerischsten Momenten taucht irgendwie, irgendwo, irgendwann doch noch das ein oder andere Menschlein aus dem Nichts auf, bereit dich wohlwollend ein Stück auf deinem Weg zu begleiten.
So traf ich auf dem Weg von Thailand nach Laos eine Gefährtin aus den Niederlanden, in einer Zeit wo ich geneigt war Selbstgespräche zu führen (Was keines Wegs soo schlimm gewesen wäre!). ;)  Mit ihr verbrachte ich eine ganze Woche in Luang Prabang. Wir erzählten uns mehr Dinge als wir je mit unseren engsten Freunden zu Hause besprachen. So schien es mir zumindest. Eines Abends bei einem Ananas-Bananen-Keks-shake (Ja, die gab es dort in Unmengen) erzählte sie mir mit wehmütigen aber glitzernden Augen von ihrer großen Liebe tausende Kilometer weit weg.
Sie liebte eine Frau, die nicht ganz für sie bereit war wegen diverser Komplikationen zwischen ihnen und anderen Involvierten. Ihr Vertrauen mir gegenüber schmeichelte mir sehr und so begann ich ebenso zu erzählen.
Der nicht oder kaum existierende Alltag auf Reisen, die Ungezwungenheit, der Treibsand unter den Schuhsohlen, das Freiheitsgefühl, all das macht Menschen offener und lässt sie so sein wie sie in Wahrheit sind und sein wollen. Die Intensität von zwischenmenschlicher Kommunikation und Begegnungen aller Art sind wohl mit der Hauptgrund warum es einen immer wieder in die Ferne zieht. Man entdeckt immer wieder auf’s Neue, dass die Welt da draußen eine andere Sprache spricht als in den wohlbehüteten eigenen vier Wänden, der Stempelzettelgesellschaft zwischen Lebenslauf und Ordnungswidrigkeiten. Ja eine andere Sprache und damit ist nicht Englisch, Deutsch, Hindi, Spanisch oder sonstewas gemeint, nein. Ich meine die Sprache des *sich verstanden fühlens*. So wie meine Reisegefährtin und ich uns fühlten, als wir uns trafen und uns gegenseitig den Zeitgeist in dem wir leben, garantierten. Ja, eine andere Sprache: Hat man Sie erst einmal, wenn auch nur ansatzweise, aufgeschnappt, gibt es kein Entkommen, ist das Blut geleckt, die Segel gesetzt und die Hufen scharren was das Zeug hält um sich wieder mit der Welt zu verbinden.

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